Misteltherapie bei Krebs: Sinn oder Unsinn? 

Jährlich sterben rund 200.000 Menschen in Deutschland an bösartigen Tumoren, die Inzidenz ist hoch. Etwa 14 Milliarden Euro an Kosten entstehen dem Gesundheitswesen dadurch. Die Behandlung besteht in der Regel aus Chemotherapie, Chirurgie und Radiotherapie. Doch längst sind auch alternative Heilmethoden auf dem Vormarsch.

Zu der bekanntesten zählt die Misteltherapie. Eine Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Arzeimittelhersteller (BAH) hat gezeigt, dass immerhin drei von vier Deutschen Phytopharmaka kaufen.

Botanik

Misteln gehören zur Familie der Sandelholzgewächse und wachsen als Halbschmarotzer auf Bäumen oder Sträuchern.
Zur (begleitenden) Krebstherapie wird vor allem die weißbeerige Mistel eingesetzt, die zu den einheimischen Sorten zählt. Sie soll Tumore zum Schrumpfen oder gar Abheilen bringen, die Immunabwehr stimulieren, Nebenwirkungen der Chemotherapie verringern und die Lebensqualität der Patienten verbessern.

Misteltherapie

Bei Mistelpräparate handelt es sich um einen Extrakt, der aus den Misteln verschiedener Wirtsbäume (zum Beispiel Apfelbäume oder Eichen) hergestellt wird. Dieser wird je nach Präparat in unterschiedlicher Dosierung in die Haut injiziert. Auch das Einspritzen in den Tumor selbst oder eine Infusion werden empfohlen. Mistelpräparate in Tabletten- oder Tropfenform sind hingegen ungeeignet.
Die Idee, Misteln als Komplementärmedizin einzusetzen, stammt von Rudolf Steiner (Begründer der Anthroposophischen Heilkunde). Er glaubte bereits 1916 aufgrund der Analogie an die Wirksamkeit der Pflanze. Misteln seien wie Krebs Schmarotzer. Die Misteln würden sich den Gesetzen der Natur widersetzen (Blütezeit im Winter, wächst nicht dem Sonnenlicht entgegen) und seien deshalb mit Krebs zu vergleichen, der sich dem normalen Zellenwachstum widersetze.

Wirksamkeit

In Deutschland gehören Mistelpräparate zu den häufigsten angewandten Krebsmitteln. Sie sind frei verkäuflich und werden von Befürwortern mit anthroposophischem und homöopathischem Hintergrund bevorzugt. In anderen Ländern hingegen spielen Medikamente mit Mistelextrakten gar keine oder nur eine geringfügige Rolle. In den USA rät das nationale Krebsinstitut (NCI) sogar davon ab, da eine Förderung des Tumorwachstums nicht ausgeschlossen werden kann.
Zwar gibt es immer wieder Studien, die eine positive Wirkung belegen sollen, ihnen fehlt aber in der Regel eine ernst zu nehmende Methodik und die erforderliche Qualität. Eine 2006 durchgeführte Meta-Analyse kam zu dem Ergebnis, dass die Verbesserung der Lebensqualität und das Überleben einer Krebserkrankung nicht zweifelsfrei nachweisbar sind.
Allerdings geben Experten zu, dass die unter anderem in der Mistel enthaltenen Lektine bedeutsam sein könnten. Unklar hingegen sind auch die Nebenwirkungen. Trotz teilweise identischer Inhaltsstoffe machen die Hersteller unterschiedliche Angaben zu ihren Produkten. Selbst die Anwendungsmöglichkeiten sind nicht einheitlich. So warnen beispielsweise einige vor der Anwendung bei Fieber, Schilddrüsenproblemen, Hirntumoren und Infektionen, andere wiederum sehen darin kein Problem. Bekannte Nebenwirkungen können Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle, allergische Reaktionen, Kreislauf- und Herzbeschwerden, geschwollene Lymphknoten sowie Fieber sein.

Artikelinformationen