Mitgliederinnen

Vor drei Jahren hörte ich das Wort zum erstenmal - von einem (männlichen) Sprachwissenschaftler. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Er aber, aktives Mitglied einer stark profeministischen Berliner Männergruppe, schien nie etwas anderes gehört zu haben als - Mitgliederinnen. Die Berliner Szene! An mein Provinz-Ohr dringen die neusten Creationen eben relativ spät.
Ich redete auf ihn ein, später auch auf die vielen Frauen, die immer wieder von irgendwelchen "Mitgliederinnen" sprachen. "DAS Mitglied", dozierte ich, "ist doch eine der wenigen nun wirklich geschlechtsneutralen Personenbezeichnungen, die wir haben! Ihr nennt doch Mädchen auch nicht "Kinderinnen" und reserviert Kinder für Jungen!"
Meine Gesprächspartnerinnen waren wenig beeindruckt und sagten weiter Mitgliederinnen. Andere wieder meinten: "Mitgliederinnen? Auch nicht besser als Mitglieder! Wir können es nicht mehr hören, das Wort Glied! Und wieso überhaupt "mit Glied"??! Wir Frauen sind "ohne Glied" und darauf sind wir stolz!"
Mitglied also als Bezeichnung für das männliche Geschlecht, Ohneglied für das weibliche? - Diese Idee hat sich, soweit ich informiert bin, nicht durchsetzen können. Zu negativ das ganze Wort. Sollen wir uns etwa auch noch selbst definieren als diejenigen, denen etwas fehlt? Noch dazu sowas? Nein danke!
Also auf ins Positive! Was hat das weibliche Geschlecht dem "Glied" entgegenzusetzen? - Das Wort war schnell gefunden: Mitklit von Klit wie Klitoris. (Und für den Herrn macht sich dann vielleicht Ohneklit ganz bezaubernd?)
Na schön. Manche mögen's eben klar und deutlich.
Doch die meisten von uns sind ja mit ihrem weiblichen Schamgefühl geschlagen. Im Büro, in der Schule, im Betrieb, in der Uni will das kühne Wort Mitkloris uns einfach nicht so selbstverständlich von den Lippen. Manche lösen das Problem vielleicht mittels der Kurzform Mitklit, die von "den anderen" garantiert als "Mitglied" gehört wird. Uralte weibliche Taktik: das Kühne so tun, daß es möglichst niemand merkt und wir ungeschoren davonkommen.

Eine Bekannte schrieb mir neulich, sie sage seit einiger Zeit nur Mitfrau: "Der Verein "Frauen und Kultur" hat schon 37 zahlende Mitfrauen." Auch nicht schlecht!

Ich finde es eindrucksvoll, wie bunt es zur Zeit in der deutschen Sprache zugeht. Wo es früher nur ein einziges Wort gab - Mitglied/er-, hab' ich jetzt die Auswahl zwischen

Mitglied(er)in / Mitgliederinnen
Mitklit, Mitklitoris
Ohneglied
Mitfrau
Mitglied/er

Und doch finde ich auch etwas Bedenkliches an dieser munteren Wortschöpferei. Ihr Anlaß scheint mir eine übertriebene Konzentration auf das männliche Glied zu sein. Haben wir das nötig, frage ich mich bestürzt? Harmlose Wörter wie Gliederung, Gliedmaßen, gliedern, eingliedern - fällt uns etwa auch dazu nur der Penis ein, so daß weitere sprachliche Säuberungsaktionen angeraten sind? Wir sagen ja den Männern nach, sie dächten immer nur an "das eine". Weibliche Wortschöpfungen wie Ohneglied und Mitklitoris legen den Verdacht nahe, daß auch Frauen noch entschieden zu oft daran denken.

Oktober 1982 (aus: Luise F. Pusch, "Das Deutsche als Männersprache", Frankfurt, 1984)

Beste Artikel in begreifen
Verwandte Artikel
Ihre Artikel Bewertung:
Bitte wählen Sie einen Stern

Durchschnitt: 3.0 / Prozent: 60% , Stimmen: 4

Artikelinformationen