Braucht das „unternehmerische Selbst“ den perfekten Lebenslauf?

Bewerbungsratgeber formulieren häufig die Anforderung des perfekten Lebenslaufs, weil sie davon ausgehen, dass auch die Personalchefs bei der Durchsicht der Bewerbungsunterlagen sehr schnell Bewerber mit Brüchen in der Biographie aussortieren. Dabei sorgen biographische Wechsel für die Festigung und Entwicklung der Persönlichkeit und es ist die Frage, ob die Unternehmen mit angepassten Bewerbern, die schnittig vom perfekten Abitur zum perfekten Hochschulabschluss voran gekommen sind, wirklich die besten Anwärter für die neunen Job gefunden haben. Doch der perfekte Lebenslauf ist dann ein naheliegendes Auswahlkriterium, wenn es wie in den Zeiten der Krise eine Vielzahl von Bewerbern für die offenen Stellen gibt. Dann schaut man auch sehr genau auf Praktika und Referenzen, die genau passend zu den Ausschreibungen bestimmt werden.

Auch bei den Anforderungen für Existenzgründer ist man schnell bei der Hand, einen perfekten Lebenslauf zu verlangen. Zum perfekten Lebenslauf passt dann das „unternehmerische Selbst“. Es geht darum, dass man die eigene Biografie nicht erlebt und erleidet, sondern aktiv gestaltend mit einer engen Zielperspektive steuert. Das „unternehmerische Selbst“ weiß immer schon, was es will und wie es optimal auf seine beruflichen Ziele hinsteuert. Schon vor dem Abitur hat man den perfekten Lebenslauf im Hinterkopf und belegt sofort den karriereorientierten Studiengang. Die Vorlesungen und Seminare werden passend zum optimalen Lebenslauf ausgewählt und jedes Praktikum und jeder Auslandsaufenthalt wird unter die sehr konkreten Karriereziele subsummiert. Nur so glauben viele Bewerber im Wettlauf um die besten Plätze mithalten zu können. Und wer mal Abwege und Probesemester mit anderen Aktivitäten erlebt hat, der besucht Seminare, die ihm erklären, wie er im Nachhinein diese Abwege kreativ für den optimalen Lebenslauf umwidmen kann.

Ulrich Bröckling ist Soziologe und hat sich mit lange mit dem „unternehmerischen Selbst“ als gegenwärtigen Trend zur Selbstvermarktung auseinandergesetzt. Über ein „unternehmerisches Selbst“ verfügt man nicht, es wird als Anforderung vom Konkurrenzdruck im modernen Leben gestellt. Man kann dieses „unternehmerische Selbst“ nur erreichen, wenn man in jeder Situation kreativ, flexibel, risikobewusst und Adressaten-orientiert ist. Für Bröckling ist diese Leitbild unrealistisch und  Schreckbild zugleich. Das Diktat fortwährender Selbstoptimierung (im Sinne eines perfekten Lebenslaufs) kann nicht wirklich gelingen, weil es nicht den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen angepasst ist.

Eigentlich sollte klarwerden, dass solche Optimierung im Sinne es perfekten Lebenslaufes den Menschen und dem Wachstum ihrer Bedürfnisse nicht gerecht werden kann. Das „unternehmerische Selbst“ braucht Zeit für Entwicklung und bevor man den optimalen Weg (mit perfekten Lebenslauf) gefunden hat, braucht man auch mal Ruhephasen und Probewege, die nicht direkt zielführend sind. Ob und wie man solche Brüche in der Biographie dem Personaler beim Bewerbungsgespräch vermittelt, ist dann eine ganz andere Frage. Den optimalen Lebenslauf im vorneherein zu bestimmen, macht also keinen Sinn. Den optimalen Lebenslauf als passende Beschreibung für die konkrete Bewerbung, das ist annähernd möglich und muss spezifisch vor jeder Bewerbung angegangen werden.

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