Kommt der „Diplom-Ingenieur“ zurück?

Nachdem die Studenten bis in die jüngste Zeit hinein deutliche Proteste gegenüber der Studienreform erhoben haben, meldet sich jetzt auch das Hochschul-Establishment und fordert deutliche Änderungen beim Bologna-Prozess. Wie ich schon auf dir-info.de vor längerer Zeit geschrieben habe, ist das abgestufte Absolvieren von Bachelor und Master die Leitidee bei der europaweiten Studienreformen. Entscheidend ist die Verkürzung des Bachelor gegenüber den bisherigen Studiengängen. Während bisher beim Diplom oder beim Magister faktisch meist 10 Semester/5 Jahre zu studieren war, ist für den ersten Studienabschluss des Bachelor oft eine Regelstudienzeit von 6 Semestern/3 Jahren vorgesehen. Da das anschließend mögliche Master-Studium nicht von jedem erfolgreichen Bachelor-Absolventen belegt werden kann, befürchten viele Studenten ein Schmalspur-Studium und schlechtere berufliche Aussichten.

Wie jetzt durch einige Hochschulrektoren deutlich wurde, sehen nicht nur die Studenten die Verkürzung der Studienzeiten beim Bachelor kritisch. Einer der Protagonisten der Forderung nach der Wiederkehr von alten Abschlüssen ist Ernst Schmachtenberg. Er ist nicht nur Chef der renommierten Technischen Uni in Aachen, sondern zugleich Präsident des Zusammenschlusses der neun wichtigsten technischen Unis in Deutschland. Ernst Schmachtenberg will den Diplom-Ingenieur als Abschluss wiederhaben, denn dies sei eine Marke, die zugleich für deutsche Wertarbeit und eine fundierte technische Ausbildung an deutschen Unis gestanden habe. Damit stellen sich Schmachtenberg bzw. die Spitzenunis aus dem technischen Bereich gegen die Aufteilung in Bachelor und Master, denn ein Diplom-Ingenieur braucht schon 5 Jahre Studienzeit, wenn er auf dem alten Leistungsstand wieder reaktiviert werden soll.

Zwar sollen die nun eingeführten neuen Bachelor- und Master-Studiengänge nicht abgeschafft werden, doch faktisch passt ein Diplom-Ingenieur mit 5 Jahren Studienzeit nicht zum Stufenmodell, wie es die Leitidee des Bologna-Prozesses ist. Aus dem Bereich von Länderwissenschaftsministerium kam bereits Widerspruch gegen die neue Idee, auf den alten Diplom-Ingenieur zurückzugreifen, denn die Kultusbürokratie kann sich ausrechnen, dass es nicht bei der Forderung nach dem Diplom-Ingenieur bleiben wird. Schließlich hat der Magister und das Diplom generell immer noch einen guten Klang und viele Arbeitgeber können mit den neuen Begriffen Bachelor und Master nicht viel anfangen.

Der „Kompromiss“ könnte dann so aussehen, dass man den Studenten, die nach 5 oder mehr Jahren an einer technischen Uni erfolgreich studiert haben und einen Master mit guter Note vorweisen können, zusätzlich noch den Diplom-Ingenieur als Sahnehäuptchen zum erfolgreichen Master-Abschluss überreicht. Das hätten dann aber auch die anderen Master-Absolventen ganz gerne und so bekäme schließlich jeder den neuen und den alten Abschluss? Das wird so nicht funktionieren können. Eine Reform des Bologna-Prozesses kann wohl nur europaweit erfolgen.

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