Das neue Anlegerschutzrecht: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Berater

Zum 1.Juli tritt das Gesetz zur Novellierung des Finanzanlagenvermittler- und Vermögensanlagenrechts in Kraft – und lässt manchen Berater weiche Knie bekommen. Zeit für ein wenig Stärkung und die richtige Medizin gegen die staatlich verordneten Beipackzettel (Produktinformationsblätter, kurz PIB) für fast alle Finanzprodukte.

Das unbekannte Wesen: PIB

Pünktlich zu Beginn des zweiten Halbjahres macht die Bundesregierung ganze Sachen. Ab Freitag, 01.07.2011, müssen alle Finanzprodukte in einem Produktinformationsblatt (PIB) von maximal drei Seiten einfach und verständlich darlegen, wie viel das Produkt kostet, was darin enthalten ist, welche Risiken der Kunde eingeht und wie das Produkt überhaupt funktioniert. Und dies alles werbefrei. Das Problem dabei besteht darin, dass es keine klassischen Vorlagen gibt und vor allem freie Berater sich und ihren Kunden ihren eigenen Reim auf die neuen Anforderungen machen und diese zu Papier bringen müssen.

Ungleich des Musters des Bundesverbandes Deutscher Banken können freie Wirtschafts- und Finanzberater im Gegensatz zu angestellten Bankberatern also auf keine Vorlage zurückgreifen. In der Regel verfügen jedoch Emittenten der Finanzprodukte bereits über entsprechende PIB. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, kann dies für die Berater bedeuten, gerade bei komplexen Hebel- (und Nebel-) Produkten nochmals das Einmaleins strukturierter Produkte kundengerecht aufzudröseln und dabei nicht den Faden zu verlieren. In jedem Fall verhält es sich mit den PIB wie mit allen Dareichungsformen- und Empfehlungen: Was der Arzt aka Berater empfiehlt, wird selten auf Herz und Nieren geprüft, auch weil dies Laien mitunter schwerfällt. In diesem Sinne ist es für Anleger essentiell, vor allem das Beratungsprotokoll genauestens zu studieren. Denn auch wenn die Beipackzettel als Stärkung der Verbraucher und als Instrument zur Schaffung von mehr Transparenz gedacht sind, kritisieren Verbraucherschutzverbände dennoch, dass das PIB nicht zum Persilschein für unseriöse Vermittlungsangebote wird.

So könnten Berater im Falle dubioser und riskanter Anlageprodukte immer darauf verweisen, dass sie ihre Kunde doch gewarnt hätten – in Form des PIB.

Willkommen im Register

Für die rund 300.000 Festangestellten in der Anlageberatung heißt es künftig nicht nur PIB verteilen und Beratungsprotokolle schreiben, sondern ebenso sich bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in einem zentralen Register erfassen zu lassen. Natürlich war in diesem Zusammenhang der Schrei aus den Türmen der Geldwächter laut. Viel zu viel Bürokratie sei damit verbunden. Letztlich einigte man sich u.a. darauf, dass alte Hasen mit einer Berufserfahrung von mindestens 5 Jahren sich dem lästigen Nachweis einer Ausbildung zum Anlageberater entziehen können. Für die rund 80.000 freien Vermittler ändert sich folgendes: Sie werden eine Sachkundeprüfung sowie eine Berufshaftpflichtversicherung nachweisen und sich bei den örtlichen Gewerbeaufsichtsämtern registrieren lassen müssen. Inwiefern die Gewerbeaufsichtsämter die Kompetenz und Zeit haben die jeweiligen Qualifikationen zu kontrollieren, bleibt anzuwarten

Grauer Kapitalmarkt: Wir können draußen bleiben

Beim neuen Anlegerschutzgesetz geht es auch um Anlegestellen, beispielsweise von Schifffonds. Generell sollen geschlossene Immobilienfonds besser kontrolliert und werden können. Ob es hierbei ausreicht, Anteile geschlossener Fonds als Finanzinstrumente im Sinne des Gesetzes über das Kreditwesen (KWG) und Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) zu stellen und damit auch geschlossene Fonds eindeutig als Finanzinstrument zu klassifizieren, sie der BaFin-Aufsicht zu unterstellen und Vermittler geschlossener Fonds dazu zwingen über eine Zulassung als Finanzdienstleistungsinstitut zu verfügen bzw. als gebundener Agent im Namen und Auftrag eines Finanzdienstleistungsinstituts ihre Produkte verkaufen. Diese Regulierungen greifen voraussichtlich jedoch erst ab Januar 2012. Eine europäische Regelung der Produktinformation – PRIPs (Packaged Retail Investment Products) – für alle Bank- und Versicherungsprodukte steht erst 2013 an. In diesem Sinne wird der Verlust der Anleger bei dubiosen Investments, der seitens des Deutschen Anlegerschutzbundes (DASB) jährlich auf gut 20 bis 30 Milliarden Euro beläuft – wohl auch weiterhweiterhin das tägliche Brot für Verbraucherschützer sein. In jedem Fall werten Kritiker das zögerliche Angehen gegen den schlecht regulierten Markt der Genusscheine, Unternehmensbeteiligungen und Schrottimmobilien als Zugeständnis der Politik an die starke Finanz-Lobby. Auch wenn es aufgrund der letzten Auflösungen großer Publikumsfonds künftig für offene Immobilienfonds heißt, dass die Mindesthaltefrist 24 Monate beträgt und dies speziell nur für Rückgaben von Anteilen über 30.000 Euro liegt (und somit auf Großinvestoren zielt) gilt, wollen nur wenige darauf setzen, dass Immobilienfonds dadurch wieder Vertrauen und Anteilseigner finden.
Erfreulich ist in jedem Fall, dass verdeckte Kosten wie Kick-Backs – also Rückvergütungen, die Versicherungsgesellschaften, Banken, Emittenten, etc. Vermittlern für bestimmte Anlageempfehlungen zahlen und von den Vermittlern an die Anleger weitergegeben werden bzw. zum aggressiven Vertrieb riskanter Investments verführen können – nun offengelegt werden müssen. Ebenso erbaulich: Verkäufer, die riskante Anlagen an den Mann und die Frau gebracht haben, können nun noch bis zu zehn Jahren zur Rechenschaft gezogen werden.

Autor: Marcello Buzzanca

Finanzen, Wirtschaft

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