Sind Leerverkäufe eine Ursache für Finanzcrash-Situationen?

In Zeiten der wirtschaftlichen Krise sucht man gern nach einzelnen fassbaren Gründen für die krisenhafte Zuspitzung. Gegenwärtig sind es wieder die Leerverkäufe, die als zentrale Ursache für die Finanzkrisen in Griechenland und anderen Euro-Staaten angesehen werden. Doch was sind eigentlich Leerverkäufe?

Leerverkäufe sind einfach zu erklären: Man verkauft einfach etwas, was man gar nicht hat, meist bezogen auf einen Zeitpunkt in der Zukunft zu einem Preis, der gegenwärtig attraktiv erscheint. So könnte man beispielsweise eine griechische Staatsanleihe, die gegenwärtig einen Kurs von 92 Euro hat (fiktiver Beispielkurs) für 85 verkaufen und sich verpflichten, diese Staatsanleihe innerhalb von 30 Tagen zu liefern. Ob man den Umsatz für diesen Verkauf jetzt oder später macht, ist für die Einschätzung der Leerverkäufe zweitrangig. Zur Vereinfachung gehe ich davon aus, dass der Verkaufserlös für die Leerverkäufe erst zum Lieferzeitpunkt erfolgt.

Auch Privatanleger können auf Wertpapiere mit Leerverkäufen spekulieren, sie müssen lediglich einen Broker finden, der Leerverkäufe ihnen vermittelt. Das wird dieser nur tun, wenn er eine entsprechende Absicherung für sich hat.

Um auf das Beispiel des Leerverkäufe griechischer Staatsanleihen zurückzukommen: Irgendwann muss sie dem Käufer übertragen werden und dann sind für den Verkäufer Kosten zu entrichteten. Fällt die Staatsanleihe unter die 85 Euro, dann verdient man an dem Leerverkauf, denn die Kosten für die Beschaffung der Staatsanleihe sind niedriger als diese 85 Euro. Allerdings sieht man auch sofort, dass dieses Geschäft sehr riskant ist. Steigt nämlich die Staatsanleihe entgegen den eigenen Erwartungen an, dann führen die Leerverkäufe zu herben Verlusten für den Leerverkäufer.

Tatsächlich werden aber bei Leerverkäufen gar keine Staatanleihen oder sonstigen Wertpapiere verkauft oder gekauft; lediglich zum Zeitpunkt der Transaktion sind die aktuellen Kurswerte der zugrundegelegten Papiere für die Leerverkäufe relevant und müssen geleistet werden. Bei Leerverkäufen handelt es sich also um hochriskante Wetten auf die zugrundegelegten Papiere.

Im Falle des Privatanlegers, der mit Leerverkäufen spekuliert, würde der Broker dann den Verlust aus den Leerverkäufen durch Zugriff auf den Rest des Wertpapierdepots abdecken, falls der Privatanleger ihn nicht anderweitig aufbringen kann. Steigen die Verluste durch die Leerverkäufe also sehr stark an, dann ist das Wertpapierdepot verloren; falls es auf Kredit finanziert wurde, droht die Privatinsolvenz.

Die Leerverkäufe wirken sich enorm auf den Kurs der zugrundegelegten Papiere aus. Weil die Kursbewegungen der Papiere durch die Leerverkäufe verstärkt werden. Im Extremfall ist auch der Finanzcrash vorstellbar, aber doch nur, weil viele Marktteilnehmer den Subtanzwert der entsprechenden Papiere nach unten schätzen. Meiner Einschätzung nach sind es also nicht die Leerverkäufe die Ursache für die Finanzcrash-Situation, sondern dessen zugespitzter Ausdruck. Auch angesichts der faktischen Irrationalität im spekulativen Handeln der Akteure können Leerverkäufe über Kettenreaktionen zu einer enormen Verstärkung der Finanzkrisen mit unübersehbaren Wirkungen führen.

Deshalb wird in jeder Finanzkrise versucht, die Leerverkäufe und ähnliche Wetten auf Wertpapiere zu reglementieren. Gegenwärtig versucht dies wieder das Bundesfinanzministerium, nicht zuletzt, um zu vermeiden, dass die gemeinsame Währung Euro über den möglichen Finanzcrash in Griechenland zur Disposition gestellt wird. Neue einschränkte Regeln für andere Leerverkäufe sind bereits beschlossen und werden noch diesen Monat umgesetzt.

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